Dreißig Grad sind nicht gleich dreißig Grad. An einem schwülen Sommertag fühlen sie sich an wie vierzig, an einem trockenen mit etwas Wind sind sie gut auszuhalten. Und ein sonniges Büro kann sich bei 22 Grad am Thermostat heiß anfühlen. Der Grund ist die gefühlte Temperatur: die Temperatur, die der Körper tatsächlich registriert.

Denn der Mensch spürt keine Lufttemperatur, sondern seine Wärmebilanz, also ob er mehr Wärme aufnimmt oder abgibt. Vier Größen entscheiden darüber: die Lufttemperatur, die Luftfeuchte, die Luftbewegung und die Wärmestrahlung der Umgebung. Dieser Artikel erklärt, wie die gefühlte Temperatur entsteht, wie sie berechnet wird, und warum drinnen eine ganz andere Größe zählt als draußen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die gefühlte Temperatur fasst zusammen, wie warm sich die Umgebung anfühlt, aus Lufttemperatur, Feuchte, Wind und Strahlung.
  • Feuchte ist der stärkste Verstärker: Bei 34 Grad und 80 Prozent Luftfeuchte liegt der Hitzeindex bei rund 52 Grad.
  • Der Deutsche Wetterdienst berechnet die gefühlte Temperatur mit dem Klima-Michel-Modell, international ist der UTCI verbreitet.
  • Drinnen zählt die operative Temperatur aus Luft- und Strahlungstemperatur, nicht die Lufttemperatur allein.

Was ist die gefühlte Temperatur?

Die gefühlte Temperatur ist die Temperatur, die eine gedachte Standardumgebung haben müsste, um dasselbe Wärmeempfinden auszulösen wie die tatsächlichen Bedingungen. Sie übersetzt ein komplexes Zusammenspiel in eine einzige, verständliche Zahl.

Der Körper reagiert nämlich nicht auf das Thermometer, sondern auf seine Wärmebilanz. Vier Umgebungsgrößen beeinflussen sie: die Lufttemperatur, die relative Luftfeuchte, die Luftgeschwindigkeit und die Wärmestrahlung von Flächen und Sonne. Dazu kommen zwei Größen des Menschen selbst, die Kleidung und die körperliche Aktivität.

Der Deutsche Wetterdienst gibt die gefühlte Temperatur in denselben Grad Celsius an wie die Lufttemperatur. Ein Wert zwischen 0 und 20 Grad gilt als behaglich, darüber beginnt die Wärmebelastung, darunter der Kältestress.

Wie die gefühlte Temperatur berechnet wird

Es gibt nicht die eine Formel, sondern mehrere Modelle mit unterschiedlichem Anspruch:

  • Hitzeindex (Wärmeindex). Das einfachste Modell verrechnet nur Lufttemperatur und Luftfeuchte. Es geht auf Steadman (1979) zurück und wird über die Rothfusz-Regression berechnet. Genau das zeigt die Tabelle unten.
  • Klima-Michel-Modell (DWD). Der Deutsche Wetterdienst nutzt ein vollständiges Wärmebilanzmodell für eine Standardperson, den „Klima-Michel". Es berücksichtigt zusätzlich Wind und Sonnenstrahlung und beruht auf der Behaglichkeitsgleichung von Fanger.
  • UTCI. Der Universal Thermal Climate Index ist ein international verbreitetes, physiologisch fundiertes Modell, das Lufttemperatur, Feuchte, Wind, Strahlung und Kleidung zusammenführt.
Hitzeindex-Tabelle: gefühlte Temperatur in Grad Celsius, abhängig von Lufttemperatur (28 bis 36 Grad) und relativer Luftfeuchte (30 bis 80 Prozent)
Der Hitzeindex nach Steadman, gefühlte Temperatur aus Lufttemperatur und Luftfeuchte, im Schatten. Die Formel ist ab rund 40 Prozent Luftfeuchte validiert, Werte darunter sind Näherungen. In Mitteleuropa sind heiße Tage meist eher trocken, sehr feuchte Hitze (rechts oben) ist selten, aber besonders gefährlich.

Die Tabelle zeigt den entscheidenden Punkt: Bei 30 Grad und trockener Luft bleibt die gefühlte Temperatur nahe der Lufttemperatur. Steigt die Feuchte, klettert sie steil nach oben. Aus 34 Grad werden bei 80 Prozent Luftfeuchte gefühlte 52 Grad. Wichtig: Der Hitzeindex ist ein standardisierter Kennwert für den Aufenthalt im Freien und im Schatten, keine Temperatur, die ein Thermometer anzeigt.

Warum Feuchte über Schwüle entscheidet

Der Grund für den steilen Anstieg liegt in der Kühlung des Körpers. Bei Hitze gibt der Mensch überschüssige Wärme vor allem über verdunstenden Schweiß ab. Verdunstung funktioniert aber nur, wenn die Luft das Wasser noch aufnehmen kann.

Ist die Luft schon feucht, verdunstet der Schweiß kaum noch, und die wichtigste Kühlung des Körpers versagt teilweise. Genau das ist Schwüle: nicht die Hitze allein, sondern die Kombination aus Wärme und hoher Luftfeuchte. Die physikalische Grenze dieses Effekts beschreibt die Feuchtkugeltemperatur. Deshalb kann feuchte Hitze auf einer Bergwiese unangenehmer sein als trockene Wüstenhitze bei höherer Lufttemperatur.

Drinnen: die operative Temperatur ist die gefühlte Temperatur

In Gebäuden spielen Wind und direkte Sonne eine kleinere Rolle. Dafür tritt eine Größe in den Vordergrund, die draußen oft übersehen wird: die Strahlungstemperatur der umgebenden Flächen. Wände, Decke, Fenster und Boden strahlen Wärme ab oder nehmen sie auf, und der Körper tauscht mit ihnen Wärme aus, ganz ohne dass sich die Luft dazwischen ändert.

Die maßgebliche Größe drinnen ist deshalb die operative Temperatur, das nach den Wärmeübergängen gewichtete Mittel aus Lufttemperatur und mittlerer Strahlungstemperatur (definiert nach DIN EN ISO 7730). Sie ist die gefühlte Temperatur des Innenraums.

Dahinter steht das Behaglichkeitsmodell von Fanger (1970), auf dem auch die internationalen Komfortnormen beruhen. Es kennt sechs Einflussgrößen: Lufttemperatur, Strahlungstemperatur, Luftgeschwindigkeit, Luftfeuchte, Kleidung und Aktivität. Die Lufttemperatur allein ist also nur eine von sechs.

Warum sich ein Büro bei 22 Grad heiß anfühlt

Ein Beispiel macht es greifbar. Ein Büro zeigt am Thermostat 22 Grad Lufttemperatur. Trotzdem klagen die Mitarbeitenden über Hitze. Der Grund: Die Glasfassade heizt sich in der Sonne auf über 35 Grad auf und strahlt diese Wärme in den Raum. Die Strahlungstemperatur steigt, die operative Temperatur liegt deutlich über den 22 Grad der Luft, und genau das spürt der Körper.

Umgekehrt funktioniert es genauso: Ein Raum mit 25 Grad Lufttemperatur fühlt sich angenehm kühl an, wenn die Deckenfläche kühler ist und Wärme aufnimmt. Nicht die Luft allein entscheidet, sondern die Summe dessen, was den Menschen umgibt. Für die Leistungsfähigkeit ist das keine Kleinigkeit: Oberhalb von etwa 25 Grad lässt die kognitive Leistung nach, nach Seppänen et al. (2006) in der Größenordnung von 1 bis 2 Prozent pro Grad.

Was hilft

Wer die gefühlte Temperatur senken will, muss an den richtigen Stellschrauben drehen. Draußen helfen Schatten und Luftbewegung. Drinnen zählt zuerst der Schutz vor der Strahlung: außenliegender Sonnenschutz hält die Wärme ab, bevor sie durch das Glas gelangt.

Bleibt eine Restlast, adressiert die Kühlung über Wärmestrahlung genau die richtige Größe. Eine kühle Deckenfläche senkt die Strahlungstemperatur und damit die operative Temperatur, leise und ohne Zugluft. Wie sich die sechs Einflussgrößen im eigenen Raum auswirken, lässt sich im Behaglichkeitsrechner frei durchrechnen, inklusive der operativen Temperatur und der Strahlung.

Fazit

Die gefühlte Temperatur zeigt, was der Körper wirklich erlebt, und sie weicht oft stark von der Lufttemperatur ab. Draußen sind Feuchte und Wind die großen Faktoren, drinnen die Strahlung der Flächen. Wer Räume für Menschen plant, sollte deshalb nicht die Zahl am Thermostat zum Maßstab nehmen, sondern die operative Temperatur, die tatsächlich empfunden wird.

Grundlagen und Quellen: Hitzeindex nach Steadman (1979) und Rothfusz-Regression (NOAA/NWS); gefühlte Temperatur und Klima-Michel-Modell des Deutschen Wetterdienstes; Universal Thermal Climate Index (UTCI); Behaglichkeitsmodell nach Fanger (1970) und DIN EN ISO 7730; Produktivität nach Seppänen et al. (2006). Maßgeblich ist die jeweils gültige Fassung.