Manche Sommertage fühlen sich schwerer an als andere, obwohl das Thermometer nicht höher steht. Die Luft ist drückend, jede Bewegung strengt an, nachts findet man kaum Schlaf. Das ist Schwüle: nicht die Hitze allein, sondern feuchtwarme Luft, die den Körper an seiner wichtigsten Kühlung hindert.
Dieser Artikel erklärt, was Schwüle genau ist, ab wann es messbar schwül wird, warum feuchte Hitze den Körper stärker belastet als trockene, und was das für heiße Nächte und für das Raumklima in Gebäuden bedeutet.
Das Wichtigste in Kürze
- Schwüle ist feuchtwarme Luft, die die Schweißverdunstung behindert. Der DWD setzt die Schwelle bei einem Dampfdruck von 18,8 Hektopascal an, das entspricht einem Taupunkt von rund 17 Grad.
- Je wärmer die Luft, desto weniger relative Feuchte genügt: bei 30 Grad reichen rund 44 Prozent, bei 40 Grad rund 25 Prozent.
- Besonders gefährlich sind schwüle Tropennächte: Sie erhöhen das Schlaganfallrisiko um rund 7 Prozent (European Heart Journal, 2024).
- Gegen die Feuchte hilft Lüftung, gegen die Wärme eine Kühlung, die auch bei schwüler Luft weiterarbeitet.
Was ist Schwüle?
Schwüle beschreibt feuchtwarme, drückende Luft. Der Deutsche Wetterdienst definiert sie über ihre Wirkung auf den Menschen: Schwüle „charakterisiert die Behinderung der Fähigkeit des menschlichen Körpers, über Verdunstung (Schwitzen) Wärme an die Umgebung abzugeben".
Ausschlaggebend ist der tatsächliche Wassergehalt der Luft, die absolute Luftfeuchtigkeit, nicht die relative Luftfeuchte allein. Denn dieselbe relative Feuchte bedeutet bei 20 Grad viel weniger Wasser in der Luft als bei 35 Grad. Als Maß dient deshalb der Dampfdruck des Wasserdampfs oder, gleichbedeutend, der Taupunkt.
Ab wann ist es schwül?
Der Deutsche Wetterdienst zieht die Grenze bei einem Dampfdruck von 18,8 Hektopascal. Ab diesem Wert gilt die Luft als schwül. Er entspricht einem Taupunkt von rund 17 Grad, unabhängig von der Lufttemperatur.
Weil warme Luft mehr Wasser aufnehmen kann, genügt bei höheren Temperaturen eine geringere relative Feuchte, um die Schwelle zu erreichen. Die Grafik zeigt, ab welcher Kombination aus Temperatur und Luftfeuchte es schwül wird.
Warum Schwüle den Körper belastet
Bei Hitze gibt der Körper überschüssige Wärme vor allem über verdunstenden Schweiß ab. Dieser Weg ist sehr wirksam: Die Verdunstung von einem Liter Schweiß entzieht dem Körper rund 2.400 Kilojoule, etwa 580 Kilokalorien.
Verdunstung funktioniert aber nur, wenn die Luft das Wasser noch aufnehmen kann. Ist die Luft schon feucht, verdunstet der Schweiß kaum noch, und die wichtigste Kühlung des Körpers versagt teilweise. Die Wärme staut sich. Der DWD warnt: „Bei hoher Luftfeuchte kann Wärmestau zu Hyperthermie und im Extremfall zu lebensbedrohendem Hitzschlag führen."
Die physikalische Grenze dieses Effekts beschreibt die Feuchtkugeltemperatur. Und weil die Feuchte die Kühlung bremst, steigt die gefühlte Temperatur bei Schwüle deutlich über die gemessene Lufttemperatur.
Schwüle Nächte: das eigentliche Risiko
Tagsüber kann der Körper Hitze noch wegstecken. Kritisch wird es, wenn die Nacht keine Erholung bringt. Genau das leisten schwüle Tropennächte, Nächte, in denen die Temperatur nicht unter 20 Grad fällt: Das Gebäude kühlt nicht aus, und der Kreislauf kommt nicht zur Ruhe.
Wie stark das wirkt, zeigt eine Auswertung von rund 11.000 Schlaganfällen in der Region Augsburg über 15 Jahre: Heiße Nächte erhöhen das Schlaganfallrisiko um rund 7 Prozent (He et al., European Heart Journal, 2024). Besonders betroffen sind ältere Menschen und Frauen. Auch das Robert Koch-Institut weist darauf hin, dass bestimmte Gruppen bei Hitze deutlich stärker gefährdet sind, vor allem wenn mehrere Risikofaktoren zusammenkommen.
Schwüle nimmt zu
Schwüle und Tropennächte häufen sich. Bis in die 1990er Jahre waren Tropennächte in Deutschland ausgesprochen selten. In Hessen etwa wurde zwischen 1961 und 1990 im Schnitt nur alle fünf Jahre eine registriert. Seit der Jahrtausendwende treten sie deutlich öfter auf: In Frankfurt am Main waren es 2015 bereits acht in einem einzigen Jahr (Deutscher Wetterdienst, 2020).
Für Gebäude bedeutet das eine dauerhafte Auslegungsaufgabe, keine Ausnahme einzelner Tage. Wer heute plant oder saniert, sollte schwüle Sommer als Normalfall behandeln.
Schwüle drinnen: was hilft
Gegen Schwüle im Gebäude wirken zwei Hebel, die man auseinanderhalten sollte: die Feuchte und die Wärme.
Gegen die Feuchte hilft richtig getaktetes Lüften, am besten nachts und morgens, wenn die Außenluft kühler und trockener ist, und wo nötig eine Entfeuchtung über die Lüftungsanlage. Tagsüber die Fenster bei schwüler Hitze weit zu öffnen, bringt dagegen zusätzliche Feuchte herein.
Gegen die Wärme hilft, die Flächen im Raum kühl zu halten. Hier setzt die Kühlung über Wärmestrahlung an: Eine kühle Deckenfläche senkt die Strahlungstemperatur und damit die operative Temperatur. Weil sie taupunktunabhängig arbeitet, läuft sie auch bei schwüler Luft weiter, ohne abzuschalten. Sie verändert die Luftfeuchte nicht, das bleibt Aufgabe der Lüftung, aber sie nimmt die empfundene Wärme aus dem Raum, leise und ohne Zugluft.
Fazit
Schwüle ist kein vages Gefühl, sondern messbar: ab einem Dampfdruck von 18,8 Hektopascal, einem Taupunkt von rund 17 Grad. Sie ist gefährlicher als trockene Hitze, weil sie die Schweißverdunstung des Körpers ausbremst, und sie trifft besonders in warmen Nächten. Da schwüle Sommer zunehmen, gehört der Umgang mit feuchter Wärme in jede Gebäudeplanung, mit Lüftung gegen die Feuchte und einer Kühlung, die auch bei Schwüle nicht aufgibt.
Grundlagen und Quellen: Schwüle-Definition und Dampfdruck-Schwelle des Deutschen Wetterdienstes; Nachthitze und Schlaganfallrisiko nach He et al., European Heart Journal (2024); Tropennächte-Trend nach Deutschem Wetterdienst (2020); Hinweise zu gefährdeten Gruppen nach Robert Koch-Institut; Verdunstungswärme aus der Thermophysiologie; operative Temperatur nach DIN EN ISO 7730. Maßgeblich ist die jeweils gültige Fassung.